Was ist gutes Reiten?

 

Zunächst einmal: Es gibt gutes und schlechtes Reiten – und das ist unabhängig von der Reitweise.

 

Gutes Reiten zeichnet sich dadurch aus, dass das Pferd körperlich und geistig davon profitiert. Durch sinnvolle Gymnastizierung wird die Muskulatur des Pferdes gekräftigt, damit es die Belastung durch das Reitergewicht ein ganzes Pferdeleben lang ohne Schaden er-tragen kann. Ein motiviert und willig mitarbeitendes Pferd, das durch die Ausbildung im Laufe der Zeit kräftiger und "schöner" wird, ist der beste Beweis für das Können eines Reiters.

 

Ein Weg dahin ist die Reitkunst.

Reiten als Kunst

 

 

 Reitkunst ist der Ausdruck eines harmonischen Miteinanders von Pferd und Reiter, die sich

gemeinsam in vollkommener Balance und im Einklang bewegen.

 

 

 

Die Ursprünge der Reitkunst liegen in der Ausbildung von Pferden für den berittenen Nahkampf.

Dazu mussten die Pferde zuverlässig und überaus wendig sein. Sie wurden einhändig geritten, denn die zweite Hand brauchte der Reiter zur Führung einer Waffe.

Ein gut ausgebildetes Pferd war auf dem Schlachtfeld überlebensnotwendig und von unschätzbarem Wert.

 

Bis ein Pferd diesen Ausbildungsstand erreichte, waren viele Jahre der geduldigen, systematischen Schulung nötig. Eines der ältesten Zeugnisse dieser Kunst ist die ca. 350 v. Chr. von Xenophon verfasste Reitlehre "Über die Reitkunst".

 

Im 17. und 18. Jahrhundert zogen sich die Fürsten mehr und mehr aus dem direkten Kriegsgeschehen auf dem Schlachtfeld zurück. Das Reiten wurde nunmehr als Form der darstellenden Künste betrieben.

Aus der über Jahrhunderte kultivierten Kriegsreiterei ging so die barocke Reitkunst hervor.

 


Das Buch École de Cavalerie des französischen Reitmeisters François Robichon de la Guérinière aus dem Jahr 1733 beschreibt die systematische Ausbildung des Pferdes und gilt noch heute als ein Grundlagenwerk der Reitkunst.


 

Die höchste Perfektion in der Reitkunst besteht nicht in der Vorführung von vielen verschiedenen Lektionen,

sondern in der Bewahrung der Freude, Geschmeidigkeit und Feinheit des Pferdes.

Nuno Oliveira


Akademische Reitkunst

Bent Branderup, der selbst bei Reitmeistern wie Nuno Oliveira und Egon von Neindorff gelernt und sich mit zahlreichen historischen Schriften zur Pferdeausbildung befasst hat, hat den Begriff "Akademische Reitkunst" geprägt. Es ist das Bestreben, bewährte Ausbildungsprinzipien und Ideale der alten Meister wiederzubeleben und mit modernen Erkenntnissen zu Biomechanik und Lernverhalten des Pferdes zu kombinieren.

Der Tanz beginnt: die Arbeit vom Boden
Der Tanz beginnt: die Arbeit vom Boden

Akademische Reitkunst umfasst nicht nur das Reiten, sondern auch die Arbeit vom Boden aus.

 

Es wird zwischen Bodenarbeit, Arbeit an der Longe und Arbeit an der Hand unterschieden.

Wer in die Akademische Reitkunst einsteigen möchte, wird zunächst mit der Arbeit am Boden beginnen. Hier können Reiter und Pferd die Hilfengebung kennen lernen und sich daran gewöhnen, sich im Einklang miteinander zu bewegen.  Der Reiter schult sein Auge und lernt, mit der Hand ins Pferd "hineinzufühlen".

Fühlen lernen
Fühlen lernen

 

Die Hilfengebung ist ein logisches System, dass sich dabei in allen Bereichen wiederholt und somit für das Pferd nachvollziehbar ist.

 

So lernt das Pferd beispielsweise schon in der Bodenarbeit den inneren und äußeren Schenkel -ersetzt durch die Gerte- kennen und kann dieses Verständnis später auf die Hilfengebung beim Reiten übertragen. 

Harmonie und Leichtigkeit
Harmonie und Leichtigkeit

 

Das Schöne an der Akademischen Reitkunst ist: Jeder ist willkommen! Die Akademische Reitkunst ist keinem bestimmten Klientel vorbehalten. Man braucht kein Barock-Pferd, keinen speziellen Sattel und keine historischen Kostüme.

Jeder kann sich mit seinem Pferd oder Pony auf diesen Weg begeben und selbst Vierbeiner mit Gebäudefehlern oder gesundheitlichen Problemen können davon profitieren, wenn sie (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) nach diesen Prinzipien gefördert werden.

 

 

Interessierte sollten sich Unterstützung durch einen guten Trainer suchen, denn allein mit Büchern und Lehrvideos kann man kaum die Feinheiten nachvollziehen, auf die es ankommt.

Schließlich wollen wir ja eine feine und differenzierte Hilfengebung entwickeln, mit der wir das Pferd in jeder Phase seiner Bewegung führen können. Denn nur so kann man es optimal dabei unterstützen, seine Balance zu finden.

 

Hierfür muss man auch seinen Blick schulen, um kleinste Unterschiede im Pferdekörper wahrzunehmen: Bewegt sich die innere Hüfte nach unten? Ist die Rotation im Brustkorb korrekt? Wohin schwingen die einzelnen Hufe?

 

Durch die Pferde-Pädagogik, auf die in der Akademischen Reitkunst sehr viel Wert gelegt wird, kann die Beziehung zwischen Pferd und Mensch nochmal eine ganz andere Ebene erreichen. Kommunikation mit feinsten Hilfen ist nicht mehr ein fernes Endziel, sondern Grundprinzip.

 

Wenn man das Richtige zum richtigen Zeitpunkt macht, dann braucht man keine aufwändigen Hilfen.

Man muss eigentlich "fast nichts" machen. ;)

 


 

Wenige Tätigkeiten sind so charakterbildend wie das Ausbilden von Pferden.

 Bent Branderup